Westfälischer Kunstverein

Installationsansichten Westfälischer Kunstverein. Fotos: LWL/Hanna Neander

Das transplantierte Herz: Über die Integration des Fremden

„Mein Herz wurde nun zu einem Fremden“, schreibt der französische Philosoph Jean-Luc Nancy in „L’Intrus: Der Eindringling“ (2000), einem Essay über seine Herztransplantation. Die aktuelle Werkschau im Westfälischen Kunstverein bedient sich dieser Metapher, um die Beziehung zwischen dem Ich und dem Fremden zu beleuchten. Die Vorstellung, dass die eigene Identität durch die Abgrenzung vom Anderen entsteht, wird in der internationalen Gruppenausstellung kritisch hinterfragt. So wird das Fremde zugleich als überlebenswichtig und unheimlich imaginiert, indem es im eigenen (sozialen) Körper verortet wird.

Im Eingangsbereich steht ein rau verputzter Monolith. Das von Ayman Alazraq und Emanuel Svedin geschaffene Werk wirkt kalt und abweisend, es erinnert an einen hohen Schutzwall, der Eindringlinge fernhalten soll. Man müsse die Skulptur berühren, erklärt Gastkuratorin Natasha Marie Llorens. Die Oberfläche ist überraschend warm und vibriert. Sie überträgt die aufgezeichneten Herzschläge etlicher Menschen, die in einem Geflüchtetenlager nahe der jordanisch-syrischen Grenze leben. Die Skulptur „Wall One“ erzeugt Empathie ohne auf visuelle und verbale Repräsentationsformen zurückzugreifen, die nach Auffassung der Künstler oftmals für Sensationszwecke missbraucht werden. Dass ‚Fremde’ in den Medien oftmals nicht als Individuen mit eigener Identität und Handlungsmacht, sondern als anonyme Masse und passive Opfer erscheinen, ist in der Ausstellung ein zentrales Thema. Zugleich geht es in den Bildern, Videos und Skulpturen um Gegensätze im (sozialen) Körper, die Fremdheit des eigenen Organismus einerseits und den Widerspruch zwischen westlichen Freiheitsidealen und der existentiellen Bedrohung des Anderen andererseits, welcher z.B. in Sreshta Rit Premnaths Arbeit „Those Who Wait“ besonders in den Fokus rückt. Die Parallelausstellung „Plötzlich Vorstand“ zeigt derweil Skulpturen und Wandarbeiten von Jonas Justen, die die phänomenologische Erfahrung heimischer Schutzräume in den Blick nehmen. | Anna Thiemann

bis 18.08.19

Westfälischer Kunstverein
Rothenburg 30
Tel. 0251-46157
Di–So 11–19 Uhr

alle Beiträge aus Münster: